Langfristige Zinsen steigen auf Rekordniveau: US-Staatsanleihen mit 10-jähriger Laufzeit rentieren bei 4,6 %, 30-jährige sogar über 5 %. Das ist gefährlich, weil Immobilien, Aktien, Anleihen und Krypto gleichzeitig fallen können, wenn der Realzins positiv bleibt. Der Haupttreiber: Staaten weltweit fahren massive Budgetdefizite und müssen immer mehr Staatsanleihen begeben. Gleichzeitig kauft der neue Fed-Chef Kevin Warsh deutlich weniger davon. Wer das ignoriert, riskiert sein Vermögen.
Langfristige Zinsen auf Rekordniveau – warum das diesmal anders ist
Langfristige Zinsen sind auf einem Niveau, das Premierminister den Job gekostet hat. Liz Truss in England, Silvio Berlusconi in Italien – und selbst Donald Trump musste bei seinen Zöllen zurückrudern, als die Rendite auf 10-jährige US-Staatsanleihen über 5 % kletterte. Stand 2026 rentieren US-Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit bei 4,6 %, 30-jährige Papiere sogar über 5 %. Deutsche Bundesanleihen liegen bei 3,2 %, französische bei 4 %, britische ebenfalls über 5 %. Das ist kein technisches Detail – das ist eine echte Bedrohung für Vermögenswerte und Staatshaushalte.
Wie funktioniert Inflation – und was haben Zentralbanken damit zu tun?
Inflation bedeutet den Kaufkraftverlust des Geldes. Für 30 Euro bekommst du im Oktober zwei Maß Bier. Bei 7 % Inflation pro Jahr kannst du dir nach 10 Jahren noch eine Maß kaufen. Teuerster Mercedes 1968: 35.000 D-Mark. Sein Nachfolger 7 Jahre später: bereits 70.000 D-Mark. Das ist über 10 % Inflation pro Jahr.
Inflation entsteht normalerweise in Zyklen. Die Wirtschaft läuft gut, Vollbeschäftigung ist da, Kapazitäten stoßen an ihre Grenzen – Preise für Transport, Hotels, Arbeitskräfte steigen. Das nennt sich Lohnpreisspirale. In einer schwachen Wirtschaft passiert das Gegenteil: Deflation, also fallende Preise, ist das schlimmste Szenario – wie 1929 beim sogenannten Black Friday.
Inflation kann aber auch durch einen externen Schock entstehen. Wenn Öl plötzlich teurer wird, weil die Straße von Hormuz gesperrt ist oder Ölanlagen zerstört werden, steigen Folgeprodukte wie Flugbenzin, Düngemittel und Nahrungsmittel. Das nennt sich Supply Shock. In Europa und Teilen Asiens haben wir derzeit eine Stagflation (= starke Inflation trotz schwacher Wirtschaft) – eine Situation, in der die Zentralbank nicht beides gleichzeitig erreichen kann.
„Langfristige Zinsen sind ganz und gar nicht ungefährlich. Sowas hat schon Premierminister den Job gekostet." – Gerald Hörhan
Was können Zentralbanken bei langfristigen Zinsen überhaupt tun?
Hier liegt ein grundlegendes Missverständnis. Die EZB und die Fed steuern primär den kurzfristigen Einlagenzins – also den Satz, zu dem Banken Geld bei der Zentralbank hinterlegen. In Europa liegt dieser derzeit bei 2 %, in Amerika bei 3,75 %. Kurzfristige Zinsen beeinflussen Kreditnachfrage und Investitionsbereitschaft.
Langfristige Zinsen hingegen werden vom Markt bestimmt: Angebot und Nachfrage auf dem Zinsmarkt. In Europa sind das die Swapsätze (10-Jahres-, 5-Jahres-, 3-Jahres-Satz), in Amerika die Renditen auf US-Treasuries. Die langfristigen Zinsen orientieren sich an den Renditen von Staatsanleihen – und die steigen gerade massiv.
In der Vergangenheit hat die Zentralbank mit sogenanntem Quantitative Easing (QE) eingegriffen: Sie kauft direkt Staatsanleihen und drückt damit die Renditen. Das geschah 2008 nach der Finanzkrise, in der Eurokrise (EZB kaufte italienische und griechische Anleihen), und massiv in der Corona-Zeit, als die Notenbanken ihre Bilanzen praktisch verdoppelten. Amerika überwies damals sogar Helikoptergeld direkt auf die Konten der Bürger.
Warum sind die Staatsanleihen-Renditen jetzt so hoch?
Der Markt für Staatsanleihen funktioniert nach Angebot und Nachfrage. Das Angebot ist riesig: Fast alle wichtigen Staaten der Welt fahren hohe Budgetdefizite. Amerika, Europa, Deutschland (mit dem 500-Milliarden-Sondervermögen), Österreich, Frankreich, Italien, China, Japan – überall explodieren die Staatsschulden. Die Gründe: schwächelnde Wirtschaft, Deglobalisierung, Corona-Rettungspakete, Rüstungsausgaben und Kriegskosten.
- USA: Sehr hohe Budgetdefizite, Staatsschulden im zweistelligen Billionen-Bereich
- Deutschland: Neues Sondervermögen von 500 Milliarden Euro – im Prinzip neue Schulden
- Frankreich und Italien: Strukturell überschuldet, kaum Spielraum
- Japan: Staatsschulden bei über 250 % des BIP
- China: Mittlerweile ebenfalls sehr hohe Staatsschulden
Wenn das Angebot an Staatsanleihen so groß ist und die Nachfrage nicht mithalten kann, muss der Staat höhere Zinsen zahlen, um Käufer zu finden. Käufer sind: private Investoren, institutionelle Investoren, Banken, ausländische Investoren, Pensionskassen – und bisher auch Zentralbanken. Genau dieser letzte Käufer fällt jetzt weg.
Was bedeutet der neue Fed-Chef Kevin Warsh für die Märkte?
Laut Gerald Hörhan ist Kevin Warsh, der neue Fed-Chef, kritisch gegenüber dem Kauf von Staatsanleihen. Warsh hatte die Fed sogar verlassen, als sie 2008 massiv Staatsanleihen kaufte, um das Finanzsystem zu retten. In der Praxis bedeutet das: Die Fed wird unter Warsh weniger aggressiv als Käufer von Staatsanleihen auftreten. Möglicherweise macht sie sogar wieder Quantitative Tightening – also Staatsanleihen verkaufen statt kaufen.
Das Ergebnis ist unvermeidlich: Wenn die Staaten weiterhin hohe Defizite fahren und die Fed als Käufer ausfällt, müssen die Renditen auf Staatsanleihen weiter steigen, um genug Käufer anzulocken. Das ist der Haupttreiber der aktuellen Zinsentwicklung. Ob Warsh seine Ideen tatsächlich durchsetzen kann, hängt vom Fed-Komitee ab – die nächsten Monate werden das zeigen.
Welche Finanzmärkte sind von hohen langfristigen Zinsen betroffen?
Hohe langfristige Zinsen sind ein Gift für alle Finanzmärkte gleichzeitig. In der Praxis aus 25 Jahren Investmenterfahrung ist das eine der gefährlichsten Konstellationen überhaupt.
Immobilien: Besonders in Deutschland werden Immobilien langfristig finanziert. Steigen die langfristigen Zinsen, fallen Immobilienpreise. Bauträger und Immobilienhändler, die kurzfristig finanzieren, spüren das besonders stark.
Anleihen: Langfristige Anleihen fallen ins Bodenlose, wenn die Renditen steigen. Das trifft Pensionskassen und Banken, die solche Papiere in der Bilanz halten – und kann zu unschönen Abwertungen führen.
Aktien: Besonders Tech-Aktien sind zinssensitiv. Derzeit werden sie noch durch KI-Euphorie gestützt, aber das kann sich schnell ändern.
Krypto: Kryptowährungen korrelieren stark mit Aktienmärkten und reagieren sehr sensibel auf Zinserhöhungen.
Gold: Gold bringt keinen laufenden Ertrag. Wenn die Zinsen hoch sind, legen Anleger ihr Geld lieber auf die Bank – das drückt den Goldpreis. Ausnahme: sehr hohe Inflation.
Was ist der entscheidende Realzins – und warum ist er so wichtig?
Der Nominalzins allein sagt wenig. Entscheidend ist der Realzins (= Nominalzins minus Inflation). In der Türkei gab es 20 % Zinsen bei 80 % Inflation – Immobilien und Aktien sind dort trotzdem durch die Decke gegangen. In Venezuela war der Aktienmarkt zeitweise der beste der Welt, weil die Zinsen bei 500 % lagen, die Inflation aber bei 10.000 %.
Wenn der Realzins positiv ist – also die Zinsen auf Staatsanleihen höher sind als die Inflation – dann fallen tendenziell alle Assetmärkte, alle Vermögenspreise. Das ist die gefährliche Situation, in die wir gerade hineinsteuern. Wenn der neue Fed-Chef die Inflation im Griff halten will und gleichzeitig nicht mehr so aggressiv Staatsanleihen kauft, könnte der Realzins positiv bleiben oder sogar steigen.
Wie kann sich ein Staat aus der Schuldenfalle befreien?
Es gibt im Wesentlichen zwei Wege. Erstens: Finanzierung durch die Notenpresse (Quantitative Easing). Der Staat begibt Staatsanleihen, die Zentralbank kauft sie und druckt dafür Geld. Das funktioniert bei Weltwährungen wie Dollar oder Euro länger als bei kleinen Währungen. Bei der Türkischen Lira hat man gesehen, was passiert, wenn das Vertrauen weg ist: Die Lira stürzt ab, ausländische Schulden können nicht mehr bedient werden, der Staat geht pleite.
Zweitens: Entschuldung durch Inflation. Wenn ein Staat sich in eigener Währung verschuldet, kann er das Geld entwerten. In 10 Jahren ist das Geld viel weniger wert – die nominellen Schulden bleiben gleich, aber der reale Wert sinkt. Das führt zu Inflationsraten von 7, 10 oder 15 %. Für Gläubiger ist das eine versteckte Enteignung, für Sachwertbesitzer ein Schutz.
Die Finanzierung durch die Notenpresse hat in der Phase 2010 bis 2020 erstaunlich gut funktioniert – weil die Wirtschaft produktiv investiert hat und die Globalisierung Güter billig gehalten hat. Seit 2020 haben wir Deglobalisierung, Teilkriegswirtschaft und Ressourcenknappheit. In diesem Umfeld führt Gelddrucken direkt zu Inflation.
langfristige Zinsen
: Häufige Fragen
Häufige Fragen
Warum steigen die langfristigen Zinsen gerade so stark?
Die langfristigen Zinsen werden vom Markt bestimmt, nicht von der Zentralbank. Weil Staaten weltweit massive Budgetdefizite fahren und immer mehr Staatsanleihen begeben müssen, steigt das Angebot. Gleichzeitig fällt mit dem neuen Fed-Chef Kevin Warsh ein wichtiger Käufer weg. Weniger Nachfrage bei mehr Angebot treibt die Renditen nach oben.
Ab welchem Zinsniveau wird es gefährlich für die Märkte?
Laut Gerald Hörhan gilt bei 10-jährigen US-Staatsanleihen über 5 % Rendite ein kritischer Schwellenwert. Dann müssen Staaten so viel für Zinsen zahlen, dass eine Teufelsspirale droht. Immobilien, Aktien, Anleihen und Krypto können in diesem Szenario gleichzeitig fallen.
Was ist der Unterschied zwischen kurzfristigen und langfristigen Zinsen?
Kurzfristige Zinsen werden von der Zentralbank gesteuert, zum Beispiel der EZB-Leitzins oder der Fed Funds Rate. Langfristige Zinsen entstehen durch Angebot und Nachfrage am Kapitalmarkt – etwa die Rendite auf 10-jährige deutsche Bundesanleihen oder US-Treasuries. Langfristige Zinsen sind für Immobilienfinanzierungen und Staatsschulden entscheidender.
Wie schütze ich mein Vermögen bei steigenden langfristigen Zinsen?
Entscheidend ist der Realzins: Liegt die Inflation höher als der Nominalzins, profitieren Sachwerte wie Immobilien. Liegt der Realzins positiv – also Zinsen höher als Inflation – fallen tendenziell alle Assetpreise. Wer jetzt investiert, sollte auf Cashflow-positive Immobilien in guten Lagen setzen und Fremdkapital mit langer Zinsbindung absichern.
Was macht der neue Fed-Chef Kevin Warsh anders als sein Vorgänger?
Kevin Warsh ist kritisch gegenüber dem Kauf von Staatsanleihen durch die Fed (Quantitative Easing). Er hat die Fed sogar verlassen, als sie 2008 massiv Staatsanleihen kaufte. Das bedeutet: Die Fed wird unter Warsh weniger als Käufer auftreten, was die Renditen auf US-Staatsanleihen weiter nach oben treiben kann.

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